Veranstaltung am 27.06.2026: Die Rückkehr der Meinungsdiktatur – diesmal mit Hüpfburg

Am 27. Juni 2026 lädt die Stadt Ribnitz-Damgarten zum großen „Info- und Erlebnistag“ nach Pütnitz ein. Ein ehemaliger Militärflugplatz, jahrzehntelang geprägt von sowjetischer beziehungsweise russischer Militärpräsenz, soll nun als Bühne für Zukunft, Transparenz und Bürgerdialog dienen.

Zumindest steht das so ungefähr in den Flyern.

In der Praxis wirkt das Ganze eher wie eine politische Verkaufsmesse mit eingebauter Meinungslenkung: Die Stadt lädt ein, die Projektpartner präsentieren, die Fachleute erklären, die Musik spielt, der Shuttlebus fährt — und kritische Stimmen dürfen bitte draußen bleiben oder ihre Fragen vorher per E-Mail zur Begutachtung einreichen.

Willkommen in Pütnitz:
Früher wurde hier der Luftraum kontrolliert. Heute offenbar der Meinungskorridor.

Besonders absurd: Der Bürgerinitiative wurde laut Schreiben der Stadt untersagt, einen eigenen Stand auf dem Veranstaltungsgelände aufzubauen. Begründung: Aktions- oder Kampagnenstände von Interessengruppen seien im Veranstaltungskonzept „nicht vorgesehen“.

Man muss diesen Satz wirklich würdigen:
Bei einer Bürgerinformationstag ist eine Bürgerinitiative nicht vorgesehen. Das ist kein organisatorisches Detail. Das ist die ganze politische Haltung des Bürgermeisters in einem Halbsatz. Eine Veranstaltung nennt sich „Dialog“, aber eine kritische Bürgerinitiative darf keinen eigenen Informationsstand betreiben. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Schwimmbad ohne Wasser, ein Bürgerentscheid ohne Bürger oder eine Pressefreiheit mit vorheriger Themenfreigabe.

Noch grotesker wird es beim Umgang mit Fragen. Bürgerinnen und Bürger sollen ihre Anliegen vorab an das Projektteam schicken. Natürlich nur, damit alles gut vorbereitet werden kann. Ganz bestimmt nicht, um spontane, unbequeme oder allzu präzise Nachfragen zu vermeiden. Man könnte sagen: Die Stadt möchte den Bürgern zuhören — aber natürlich nur schriftlich, rechtzeitig, vorsortiert und ohne störende Überraschungen.

Weil wir ja den historischen Bezug von Pütnitz zu Russland haben: Das was am 27.06.2026 auf Pütnitz geschehen soll erinnert an die große jährliche Pressekonferenz von Wladimir Putin. Auch dort gibt es Publikum, Fragen, große Bühne, staatstragende Antworten und am Ende die Erkenntnis: Alles läuft bestens, die Führung hat alles im Griff, kritische Stimmen wurden gehört und erfolgreich in Harmonie verwandelt. Der Unterschied: In Moskau gibt es keine Hüpfburgen und vermutlich weniger vegetarische Spezialitäten.

Pütnitz geht also mit der Zeit. Was früher Propaganda hieß, heißt heute „Info- und Erlebnistag“. Was früher gelenkte Öffentlichkeit war, nennt sich heute „strukturiertes Dialogformat“. Und was früher Meinungsdiktatur bedeutete, kommt heute freundlich verpackt mit QR-Code, Shuttle-Service und Live-Musik daher.

Der Flyer selbst liest sich wie ein Werbeprospekt aus dem Ministerium für Gute Laune: „Unsere Zukunft sichern“, „wichtige Wirtschaftsimpulse“, „Magnet für junge, aktive und internationale Gäste“, „keine extreme Sommerferiensaison“. Alles klingt sauber, rund und alternativlos. Risiken? Belastungen? Verkehr? Natur? Wasser? Infrastruktur? Wohnungen? Kommunale Folgekosten? Kritik?

Keine Sorge. Dafür gibt es Fachleute. Und die erklären dann bestimmt, warum am Ende alles gar kein Problem ist.

So entsteht kein Bürgerdialog. So entsteht eine Projektshow mit Fragerunde. Eine Inszenierung, bei der die Rollen klar verteilt sind: Die Stadt spricht, das Projekt glänzt, die Bürger dürfen nicken, und wer widerspricht, steht nicht im Konzept.

Vielleicht sollte man das Programm ehrlicher benennen:
14.00 Uhr: Bürgermeister RDG: Es wurde bisher nichts erreicht, die Stadt ist pleite aber alles ist super.
15.00 Uhr: Bürgermeister aus Bispingen: Wegen Center Parc haben wir 3 Bäcker, 2 Eisdielen und viele Supermärkte: Das könnt Ihr auch haben: für 100 Mio Steuergelder, dramatische Wohnungsnot und Jobs im Niedriglohnsektor als Zukunft für Eure Kinder.
16.00 Uhr: Altlasten beseitigen, Natur gleich mit: Wir sorgen für Insektenkorridore zwischen den 700 Häusern von Center Parc. Das ist super. Dafür müssen wir nur 40 ha Wald umhauen (davon 3 ha Küstenschutzwald), mehrere Hektar gesetzlich geschützte Biotope beseitigen und die Quartiere von 12 Fledermausarten abreißen.
16.45 Uhr: Infrastruktur ohne Zukunft: Das Abwasserwerk in Körkwitz ist durch Center Parc überfordert und muss größer gebaut werden. Die Boddenklinik schafft die Verunfallten von Pangea Iland nicht und die B105 ist völlig zugestaut. Das kostet den Einwohnern Geld, Zeit und ein bißchen Gesundheit. Aber jetzt habt Euch nicht so: dafür gibts heute die Bratwurst zum Sonderpreis, das Konzert ist kostenlos und Eure Kinder dürfen auf der Hüpfburg springen.
17.30 Uhr: Investoren stärken. Lebensraum abschaffen: Große Touristenzentren werden zwar nirgendwo mehr gebaut, weil sie keine Vorteile bringen im Vergleich zu den massiven Nachteilen für die einheimische Bevölkerung. Alle Pläne der letzten Jahre in MV für vergleichbare Projekte wurden zwar von der Landesregierung und den Gemeindevertretungen abgelehnt. Aber wir sind ja in Ribnitz-Damgarten. Da ist natürlich alles anders. Und das werden wir Euch hier zeigen.
19.00 Uhr: Konzert-Höhepunkt — „Über sieben Brücken musst du gehen, bis du einen kritischen Stand findest“

Genau darum geht es: Wer Vertrauen schaffen will, muss Kritik aushalten. Wer Transparenz verspricht, muss Gegenstimmen sichtbar zulassen. Wer Bürgerdialog sagt, darf nicht zuerst die Bürgerinitiative aus dem Bild schneiden.

Alles andere ist Demokratie-Kulisse.

Früher galt auf Pütnitz: Wer nicht ins System passt, bleibt draußen.
Heute heißt es etwas freundlicher: „Im Veranstaltungskonzept nicht vorgesehen.“

Der Ton hat sich geändert.
Das Prinzip ist das Gleiche geblieben.

Pütnitz 2026: Die Kampfbomber sind weg. Die Angst vor freier Kritik offenbar nicht.

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